Kleinere und grössere Hindernisse

Wenn man einen demenzkranken Menschen betreut, wird man erfinderisch. Ich mag mich gut erinnern, dass ich einige Veränderungen in unserem Zuhause vornahm.

Die Spiegel an der Wand

Es gab eine Zeit da ist Peter vor jedem Spiegel zurückgeschreckt. Er sah Personen, die er nicht kannte und er weigerte sich ins Badezimmer, oder auf die Toilette zu gehen. Da nützte alles erklären und gut zureden nichts mehr. Ich habe mit Papier, all unsere Spiegel abgeklebt, im Badezimmer, im Schlafzimmer und auch an unserer Garderobe. Viel schwieriger war es, wenn es draussen bereits dunkel war und wir uns in der beleuchteten Scheibe spiegelten. Meistens versuchte ich dann Peter irgendwie abzulenken und ihm zu sagen, dass keine fremden Menschen im Garten standen. Wichtig war, selber ruhig zu bleiben und ich bemühte mich, Peter das Gefühl zu geben, dass alles in Ordnung sei.

Orientierung in der Wohnung

Den richtigen Raum zu finden, war für Peter oft schwierig, darum habe ich zum Beispiel unser Badezimmer mit einem grossen Symbol an der Türe signalisiert ebenso unsere Küche. Dies diente Peter als Orientierungshilfe. Er fand so für eine gewisse Zeit das Waschbecken, die Toilette und unseren Kühlschrank.

Das Sehen verschlechtert sich

Zunehmend fiel mir auch auf, dass Peter mit dem Sehen Mühe hatte. Er griff oft neben einen Gegenstand, oder versuchte das Essen mit der Gabel, neben dem Teller aufzuspiessen. Das Gehirn spielte ihm einen Streich und er sah die Gegenstände verschoben. Einen farbigen Teller, habe ich ihm angeschafft. Rot ist eine gute Farbe, die die Demenzbetroffenen noch lange wahrnehmen können, im Gegensatz zu weissem Geschirr. Dazu habe ich einen Tellerrand aus Plastik gekauft, damit das Essen nicht vom Teller rutschte. Das Besteck war nicht mehr scharf und spitz und das Glas zum Trinken habe ich durch einen Becher ersetzt. Ein rotes Band an seinem Schlüssel bewirkte Wunder, so konnte Peter auf Anhieb seinen Schlüssel finden.

Anpassungen in der Wohnung

Ein anderes Phänomen war, dass Peter plötzlich Mühe hatte, über unsere Teppiche zu gehen. Teppiche, die zu unserer Einrichtung gehörten und schon etliche Jahre da lagen. Es fühlte sich für ihn so an, als wäre der Teppich ein grosses, schwarzes Loch, wo er runterfallen könnte. Oft gelang es ihm auch nicht, eine Metallschiene, die zwei Räume von uns unterteilten, zu überqueren. Er hob, dann jeweils sein Bein an, als ob er über ein extrem hohes Hindernis steigen müsste. Die Folge war, dass ich sämtliche Teppiche, die bei uns im Gang, oder in einem Durchgang lagen entfernte. Genügend Licht in den Räumen half auch gut und ich räumte sämtliche Stolperfallen, wie Vasen, Kerzenständer und einige Pflanzen weg.

Ungewohntes Verhalten

Mehr und mehr wurde Peter unruhig und oft auch aggressiv. Oft unterhielt er sich mit Personen, die sich nicht im Raum befanden. Er war wie in einem Film, in seinem Film. Manchmal befand er sich auf der Arbeit dann redete er mit seinen Kollegen. Er unterhielt sich auch mit seinen bereits verstorbenen Eltern, mit seinem Bruder und seiner Schwester, als wären sie noch alle zusammen in Bantigen, in ihrem Elternhaus. Manchmal war er in Gedanken auch mit unseren Söhnen unterwegs. Die Söhne waren in seiner Vorstellung noch ziemlich klein. Es kam dann vor, dass Peter sich immer mehr in eine Unruhe steigerte und dies gipfelte dann darin, dass er den Personen, die er in seinen Vorstellungen sah, ziemlich laut und resolut die Meinung sagte.

Versuchte ich ihn zu beschwichtigen und abzulenken wurde er mir gegenüber aggressiv und packte mich schon mal grob am Arm. Als er auch meinen Assistenzpersonen gegenüber tätlich wurde, musste etwas geschehen. Mir machte dieses Verhalten zunehmend Angst. Ich war zutiefst verunsichert, was geschah da bloss? Peter der Ruhige, der Überlegte, der Mann der niemals die Hand erhob, war eine völlig andere Person. Es war schwer zu ertragen und beeinträchtigte unser Zusammenleben. Es war für mich verletzend und stimmte mich traurig.

Natürlich weiss ich, dass dieses Verhalten der Krankheit zuzuschreiben ist. Und ich weiss auch, dass es in der Regel immer einen Auslöser geben muss. Ich versuchte dann jeweils herauszufinden, was der Auslöser war. Das war aber oft sehr, sehr schwierig.

Hatte Peter das Gefühl ich will ihn zu etwas zwingen? Fühlte sich Peter nicht ernst genommen? War es ihm nicht recht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? War am Tag viel los und Peter kam nicht zu seiner gewohnten Ruhe? Oder hatte Peter gar Schmerzen und konnte sich nicht anders ausdrücken, als mit Aggression? Alles dies konnten mögliche Ursachen sein, für sein ungewohntes Verhalten.

Mein Verhalten und wie ich der Situation begegnete war von zentraler Bedeutung. Ich musste erst mal Ruhe bewahren, tief durchatmen und mich nicht einschüchtern lassen. Ich zeigte, so gut es ging Verständnis, blieb ihm gegenüber gelassen und freundlich. (Das war manchmal schwer.) Natürlich goss ich nicht noch Öl ins Feuer, liess ihn ausreden und gab ihm recht und machte seine Argumente auch nicht lächerlich. Es kam aber schon vor, dass ich auf Distanz ging und sogar das Zimmer verliess, um ihm nicht zu nahe zu sein. Es war dann aber oft so, dass er sich nach und nach beruhigte.

Ich achtete noch besser, tagsüber, auf eine ruhige Umgebung, schaltete TV und Radio oft aus. Ich achtete gut auf mögliche Schmerzen, ja sein Rheuma plagte ihn ab und zu, wir hatten das aber mit der richtigen Medikation gut im Griff. Für uns als Angehörige war es nicht immer leicht die Ursachen herauszufinden.

Geholfen hat mir auch die Technik nach Naomi Feil. Ich habe mir ein Buch angeschafft, das das Thema Validation beschreibt. Validation bedeutet für mich unbedingte Wertschätzung, oder auch lernen in den Schuhen des Anderen zu gehen. Ich versuche die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter einer Aussage oder seinem Verhalten stecken mochten.

Naomi Feil (geb. 1932 in München) ist eine US-amerikanische Gerontologin ehemalige Off-Broadway-Schauspielerin und Begründerin der Validationsmethode.

Feil wuchs in Cleveland, Ohio auf und hatte schon in ihrer Kindheit viel Umgang mit alten Menschen. Die Validationsmethode wurde zwischen 1963 und 1980 entwickelt und in dem Buch (1982) „Validation, The Feil Method“ (deutscher Titel: Validation, ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen, 1990) festgehalten, dass sie 1992 überarbeitete. Ihr zweites Buch „The Validation Breakthrough“ (deutscher Titel: Validation in Anwendung und Beispielen), erschien 1993.

Die Grundsätze der Validation

Wir widersprechen einem verwirrten Menschen nicht und wir lassen uns auf seine Welt ein

Wir Angehörige sollen uns von den Bedürfnissen und Gefühlen leiten lassen, die die verwirrten Menschen signalisieren, nicht von deren Aussagen

Gespräche erfolgen ruhig, klar, verständlich, wertschätzend und eindeutig.

W-Fragen, wie „wer, was, wo, wie, wann und warum“ sind für mich nur bedingt ideal. Es verlangt eine logische Erklärung, wozu aber demenziell Erkrankte nicht fähig sind

Wir sprechen unsere betreuten Angehörigen von vorne, auf Augenhöhe an

Wir geben Menschen mit Demenz ausreichend Zeit, um das Gesagte zu verstehen

Wir vermeiden Schachtelsätze, die meist verwirrend sind: pro Satz nur eine Mitteilung

Wir schauen, dass unsere Worte mit Gestik, Mimik und Tonfall übereinstimmen.

Niemals lügen: ein dementer Mensch merkt jegliches „Theater spielen“

Ich gebe es zu: Ab und zu habe ich eine Notlüge verwendet.-(

Als es aber nicht besserte und ich mich zunehmend überfordert fühlte, beschloss ich zusätzliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es war für mich eine schwierige Zeit. Ich wandte mich an die zuständige Oberärztin der UPD.

Sie schlug mir nach reiflicher Überlegung vor, ein Antipsychotika in niedriger Dosis einzusetzen. Solche Medikamente helfen bei Erregtheit, Aggressivität und Unruhe, bei starken Erregungszuständen, Sinnestäuschungen, Wahnvorstellungen und ähnlichen Symptomen.

Zu den relativ häufigen unerwünschten Nebenwirkungen von Antipsychotika gehören unter anderem Schläfrigkeit, Inkontinenz, Bewegungsstörungen, die insbesondere das Gehen erschweren können und so die Autonomie beeinträchtigen. Aufgrund der möglichen Nebenwirkungen muss eine Behandlung mit Antipsychotika in möglichst niedriger Dosierung, über möglichst kurze Zeit, unter aufmerksamer ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Ich ging mit einer gewissen Vorsicht an das Ganze heran, da ich nicht ein Fan von zu vielen Medikamenten bin, die abgegeben werden. Dennoch, das Verhalten von Peter änderte sich zum Besseren, er wurde ruhiger und entspannter. Auch mir brachte es natürlich eine gewisse Ruhe und es nahm mir die Angst vor dem unkontrollierten und aggressiven Verhalten von Peter. Ich glaube je nach Situation muss der beste Weg gesucht und verfolgt werden, was wir meiner Meinung nach, getan haben.

Ein Kommentar zu “Kleinere und grössere Hindernisse

  1. Liebe Frau Christen,
    ganz herzlichen Dank für den aufschluss- und hilfreichen Beitrag. Demenz ist für mich ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, da bin ich sehr dankbar für Tips von einem erfahrenen Reisenden.
    Zum Thema Validation, das mir im zwischenmenschlichen Umgang viel hilft, glaube ich, dass auch der Validierende Validation von aussen braucht. Denn alle hinuntergeschluckten Gefühle haben eine Wirkung.
    Noch habe ich 2 Wochen Ferien, dann freue ich mich auf ein Wiedersehen.
    Herzlich
    Denise Weber

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