Eine kleine Pfingstreise

Wieder einmal war Pfingsten und traditionsgemäss bei uns eine kleine Reise angesagt. Ins Tessin wollten wir nicht, der Pfingstverkehr durch den Gotthard hielt uns davon ab.

Wir hatten beide früher immer sehr, sehr gerne das Elsass besucht. Oft sind wir mit dem Motorrad auf der Route des Vin d’Alsace, durch die zahlreichen Rebberge gefahren, oder wir haben in Colmar, in Kaisersberg oder Riquewihr, Halt gemacht. Auch auf der Route de la Crêtes, durch die Vogesen, die eine unglaubliche Aussicht bietet, waren wir unterwegs. Die lieblichen und schmucken Dörfer hatten es uns angetan. Ebenso der feine Wein und die freundlichen Menschen. Es ist ja von uns aus recht gut zu erreichen, in etwa anderthalb Stunden waren wir jeweils da.

Ich wusste, oft würde ich mit Peter nicht mehr verreisen können. Also buchten wir in Riquewihr, ein paar Tage Urlaub und liessen uns in einer Ferienwohnung nieder. Brigitte begleitete uns als Freundin und natürlich als Assistenzperson.

In den Wochen vor Pfingsten wurde es immer schwieriger, dass Peter in unser Auto stieg. Er wusste einfach oft nicht mehr, wie genau er einsteigen sollte. Zuerst mit einem Bein und dann das Andere über die Schwelle heben, überforderte ihn. Seine gebeugte Haltung erschwerte das Ganze zusätzlich. Wollte ich ihn drängen wurde er zu Recht hässig. Geduld war das Zauberwort, wie schon so oft.

Auch das Treppensteigen wurde zunehmend mühsamer. Ganz langsam Schritt um Schritt, Stufe um Stufe, mit immer einer kurzen Pause. Kurze Spaziergänge waren schon noch möglich, aber ich nahm Peter möglichst am Arm und führte ihn.

In Riquewihr

Ich hatte nicht abgecheckt, dass unsere Ferienwohnung nur über eine steile Treppe zu erreichen war. Die Häuser in Riquewihr, sind alt und schmal, aber natürlich auch wunderschön. Nur, für jemanden mit Einschränkungen wie Peter, nicht wirklich gut geeignet.

Wir hatten eingekauft, um möglichst selber zu Kochen. Das passte gut und wir hatten es gemütlich. Peter war soweit zufrieden und wir vermieden es, allzu oft die Treppe hinauf und hinab zu steigen.

Ein paar Routen wollten wir über Pfingsten trotzdem machen und ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Leider spielte das Wetter nicht 100% mit. Dennoch genossen wir die Zeit und erkundeten die nähere Umgebung rund um das Dorf. Zum Abschluss, am letzten Abend, beschlossen wir in einem traditionellen Restaurant, Flammkuchen zu Essen und die Ferien ausklingen zu lassen. Das war einfach ein Muss im Elsass und immer wieder fein 🙂

Es war eines der letzten Male, wo ich mit Peter in einem Restaurant zum Essen ging.

Das Thema Restaurant und die damit verbundenen Herausforderungen waren sowieso eher schwierig zu bewältigen. Es fing jeweils schon an, wenn der Kellner die Bestellung aufnahm und sich an Peter wandte. Gab ich dann die Bestellung auf, war das Servicepersonal schon leicht irritiert. Ich glaube sie hatten Mitleid mit Peter, dass er einer solch dominanten Frau gegenübersass😊 Manchmal zückte ich das Demenzkärtchen, aber manchmal musste ich innerlich auch einfach nur schmunzeln. Die Leute an Nebentisch schauten komisch, wenn ich Peter die Serviette umband. Schnitt ich dann noch das Fleisch, oder die Nudeln klein, waren uns die Blicke der Nachbarn gewiss.

Genau das Gleiche, wenn ich mit Peter auf die Toilette ging. Nahmen wir nun das Männer- oder das Frauen-WC? So oder so, die Leute waren irritiert und ich war jeweils froh, wenn Peter nicht zur Toilette musste.

Geduld und Loslassen

Peter hatte natürlich rückblickend gesehen sehr wenig von diesen kurzen Ferien im Elsass. Ich glaube für ihn war es eher stressig und ungewohnt. Verbunden mit einer neuen Umgebung, einem fremden Bett, mit einer fremden Sprache, fühlte er sich überfordert.

Ich merkte deutlich, dass es Peter daheim am wohlsten war und er gar nicht mehr weggehen wollte. Seine gewohnte Umgebung und sein Tagesablauf gaben ihm Ruhe und Stabilität.

Auch unsere Aufenthalte im Tessin musste ich überdenken. Es war ja schon Ende 2018 schwierig, mit dem Zurechtfinden, der Umstellung, der Umgebung und den zahlreichen Leuten. Der Wohnwagen hat Stufen, genau wie das Waschhaus auch. Zudem ist es im Wohnwagen nicht all zu geräumig. Alles Hindernisse, die Peter aus dem Konzept brachten.

Ich würde in Zukunft versuchen meine Bedürfnisse zurückzustecken und ihm möglichst den gewohnten Tagesablauf zu bieten. Weniger war mehr und ich wollte mich bemühen nicht immer so viel zu Planen und zu Organisieren. Ich musste einfach noch geduldiger werden…

Wichtig war nun für mich die Balance zu finden zwischen meinen Vorstellungen, meinen Bedürfnissen und seinen, die nie mehr die Gleichen, wie meine sein würden.

Gewohntes loslassen lernen und erkennen, dass unser Leben sich nach und nach änderte, erkennen, dass der Radius in dem wir uns bewegten immer kleiner und kleiner wurde. Ich musste lernen auf vieles zu verzichten und lernen dies anzunehmen.

Dennoch, ich konnte mich auch freuen über das was machbar war und ich war dankbar, dass es uns im Grossen und Ganzen gut ging. Wir hatten unser Auskommen, wir hatten unglaubliche Unterstützung durch die Familie, unsere Freunde und unsere Assistenzpersonen.

«Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt. Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt beruht auf Geduld, braucht Zeit, braucht Stille, braucht Vertrauen.» (Hermann Hesse)

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