Peter geht verloren

Wie schon in einem vorgängigen Artikel beschrieben, hat Peter seine Wanderungen zum Bantiger, nicht mehr so oft unternommen. Ob er unsicher war? Wusste er manchmal nicht mehr genau wo der Weg durchführte? Immer, wenn er von unserem Haus aus startete, schaute ich auf die Uhrzeit und ich wusste, so ca. nach zwei Stunden würde ich ihn wieder, von Bantigen herkommend, auftauchen sehen.

Nun, an einem Tag im 2018 kam Peter nicht mehr zurück. Ob er jemanden getroffen hatte und sich noch mit der Person unterhielt? Zuerst beunruhigte mich die Verzögerung noch nicht, aber je länger die Zeit voranschritt, spürte ich eine wachsende Unruhe. Immer wieder schaute ich aus dem Fenster und hoffte, Peter plötzlich auftauchen zu sehen. Ein Handy hatte Peter nicht dabei, da er es schon lange nicht mehr bedienen konnte.

Langsam machte sich Angst in mir bemerkbar und ich beschloss mit dem Auto den Weg abzufahren. Leider waren nicht alle Waldwege mit dem Auto befahrbar.

Ich fuhr durch Bantigen, über die Talhöhe, durch den Wald, Richtung Bantiger. Zuletzt waren es nur noch Forstwege, die dann auf einem Wendeplatz endeten. Von Peter keine Spur. Ich fragte ein paar Forstarbeiter, ob sie einen Mann mit Wanderstock gesehen hätten. Aber das hatten sie nicht.

Nun wuchs mein Unbehagen und ich stelle mir schon vor, Peter hätte sich total verirrt und er sei vielleicht auf der anderen Seite des Bantigers, abgestiegen. Eine Gegend, die wir weniger gut kannten. Ich stellte mir schon in Gedanken einen Suchtrupp vor, der nach Peter Ausschau hielt.

Ich fuhr zurück, seinen gewohnten Weg und plötzlich, mitten in Bantigen, tauchte er auf. Woher genau weiss ich nicht. Er lief durchs Dorf hin und her und fand die Abzweigung Richtung Flugbrunnen nicht mehr. Eine Abzweigung die er schon tausendmal passiert hatte. In Bantigen steht sein ehemaliges Elternhaus, vielleicht war er deshalb verunsichert. Ich lud ihn ins Auto und wir fuhren nach Hause. Er äusserte sich nicht gross über das Geschehene und auf Nachfrage, war ihm nicht bewusst, dass er den Heimweg nicht gefunden hatte.

Nun musste ich mir überlegen, wie wir mit den Spaziergängen weiterfahren wollten. Aufgeben sicher nicht, denn Bewegung, frische Luft und ein Stück Unabhängigkeit, taten Peter gut.

Wäre ein Ortungsystem/GPS die Lösung?

Systeme zur Personenortung bedienen sich in der Regel der Möglichkeit einer satellitengestützten Positionsbestimmung ähnlich wie Navigationsgeräte. Sie sind geeignet, um Demenzkranke, die alleine unterwegs sind und den Weg nach Hause nicht mehr wissen, in möglichst kurzer Zeit zu finden. Notwendig ist es in jeden Fall, dass die oder der Erkrankte einen Sender bei sich trägt. Dieser kann die Form eines Handys haben, als Armband, ähnlich wie eine Uhr, oder am Gürtel getragen werden. Eine Möglichkeit war auch, einen Sender in den Schuhsolen zu verstauen. Ich entschied mich aber für eine einfache Variante und kaufte Peter ein ganz einfaches Smartphone. Mir war wichtig, dass ich die Überwachung und Ortung des Senders durch mein Handy vornehmen konnte. Wichtig war auch, dass die Genauigkeit der Standortbestimmung gegeben war.

Geo Zilla

Ich installierte die App Geo Zilla, bei ihm und auch auf meinem Handy. Um die Anwendung zu nutzen, musste ich mich mit Telefonnummer oder E-Mail-Adresse anmelden und dann musste ich auf dem Handy von Peter, meine Einladung zum Orten, bestätigen. Schon konnte es losgehen. Auf der Karte sah ich immer Peters Standort. Die App war sehr genau und ich konnte genau verfolgen wie sich Peter bewegte, wo er Pausen einlegte, oder ob er wieder retour kam. Ich musste einfach besorgt sein, dass Peter sein Handy immer in der Tasche hatte.

Ist die Ortung ethisch vertretbar?

Grundsätzlich ist es verboten eine andere Person heimlich zu verfolgen, zu überwachen und zu orten. Verstossen wir gegen das Persönlichkeitsrecht und dem damit verbundenen Grundrecht auf Selbstbestimmung? Jeder Einzelne bestimmt selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten. Peter musste also seine Zustimmung geben, damit wir das GPS einsetzen durften. Peter war ein Grenzfall, er konnte nicht mehr hundert Prozent nachvollziehen, um was es ging. Ich habe mir aber überlegt, dass wir auch eine Sorgfaltspflicht gegenüber Peter haben, damit er gesund, unfallfrei und sicher immer wieder nach Hause findet. Übrigens, Peter ist nie von Zuhause weggelaufen. Wir setzten das Handy nur auf seinen Spaziergängen ein, oder wenn wir uns in grossen Menschenansammlungen, zum Beispiel auf einem Weihnachtsmarkt, befanden.

Visitenkarten

Etwas einfacheres, aber wichtiges und praktisches haben wir Peter auch immer in die Tasche gesteckt. Nämlich eine Karte mit all seinen Angaben. Ich fühlte mich so sicherer, unsere Telefonnummer und unsere Adresse waren natürlich auch aufgeschrieben, so konnte eigentlich nichts schief gehen.

Peter geht trotzdem verloren

Eigentlich konnte nichts schief gehen-, nur wenn wir vergassen die Karte Peter in die Tasche zu stecken. Und wie das so ist, auch das Handy mit der App war zu Hause geblieben. Dass geschah einmal in einem grossen Baumarkt. Wir waren in der Elektroabteilung und liessen uns beraten. Mein Bruder war ebenfalls dabei und hatte einige Fragen an einen Verkäufer. Von einem auf den anderen Augenblick war Peter verschwunden. Baumärkte haben ihn immer schon fasziniert und wir dachten, dass wir ihn im Handumdrehen wiederfinden würden. Wir haben in allen Gängen hin und her gesucht, aber von Peter war weit und breit nichts zu sehen. Wir informierten die Angestellten, die uns ebenfalls suchen halfen. Am Schluss, suchte der ganze Markt und das Personal beschloss, Peter auszurufen. Tatsächlich ein Kunde, der eben den Laden betrat, hatte den Aufruf gehört. Er erzählte uns, dass ihm eine Begebenheit auf dem Weg zum Markt, komisch vorgekommen sei. Er sah einen Mann die Strasse entlanglaufen, es hatte kein Trottoir, und die Person befand sich kurz vor einer Kreuzung. Uns war klar, dass musste Peter sein.

Wir machten uns unverzüglich auf den Weg und fanden Peter in Begleitung eines Mannes. Er hatte ihn auf der Strasse gesehen, sein Auto an den Rand gestellt und Peter betreut. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen Polizisten handelte, der seinen freien Tag hatte. Da Peter kein Handy, keinen Ausweis und eben auch keine Karte in der Tasche hatte, wollte der Polizist Peter mit auf den Posten nehmen. Zum Glück waren wir vorher zur Stelle und konnten Peter sicher in den Baumarkt zurückbegleiten. Wir haben uns ganz fest bedankt und waren froh, gibt es Menschen, die genau hinschauen. Uns ist es noch heute ein Rätsel, wie Peter den Ausgang fand, neben den Kassen vorbei gehen konnte und sich auf den Weg machte.

Wie fühlte sich Peter?

Ich dachte, dass Peter verzweifelt sein musste, hilflos, desorientiert, eigentlich auf bekannten Wegen und doch war ihm alles fremd…es musste schlimm sein für ihn. Peter war aber sehr ruhig, kaum aufgeregt und überhaupt nicht in Panik. Es war für ihn eine Begebenheit, die ihn zum Glück, nicht gross beschäftigte.

Was tun, wenn jemand desorientiert wirkt?

Wenn du, den Eindruck hast, dass jemand keine Orientierung hat und irgendetwas nicht stimmen könnte, wie verhältst du dich in dieser Situation? Viele Menschen schrecken davor zurück, auf eine Person, die scheinbar desorientiert ist, zuzugehen. Doch es ist einen Versuch wert und eigentlich ein Muss. Hilfreich ist eine freundliche Ansprache, ruhig die Person nach ihrem Ziel fragen und das Angebot machen, beim Weg zu helfen. Man kann nachfragen, ob die Person einen Ausweis bei sich trägt. Wenn die Person dann sichtbar desorientiert oder nicht auskunftsfähig ist, bei ihr bleiben. Ich denke zur Sicherheit sollte man die Polizei verständigen. Du hilfst damit dem Betroffenen und auch den Angehörigen sehr.

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