Ein neuer Tagesplatz

Peter war nun mehr als 4 Jahre zuhause. Seine Wanderungen zum Bantiger und zurück, nahmen ab. Mehr und mehr blieb er daheim und wusste sich nicht mehr zu beschäftigen. Seine Basteleien im Werkraum waren fast gänzlich eingestellt. Was sollte und konnte Peter tun, mit was sollte er sich beschäftigen? Oft lief er durchs Haus, oder durch den Garten, aber ziellos und von aussen betrachtet eher gelangweilt.

Unser Sohn Michael hatte gehört, dass bei bestimmten Bauernfamilien Tagesplätze angeboten werden. So machte ich mich auf die Suche und fand die OGG.

OGG /Wobe

Der älteste Verein in der Schweiz, die ökonomische gemeinnützige Gesellschaft hat sich ganz der Landwirtschaft verschrieben. Ziel des Landwirtschaftsvereins war es, die ländliche und bäuerliche Bevölkerung über die Neuerungen in der modernen Welt (auch bezogen auf die Landwirtschaft) zu informieren. Später wird die OGG sich von der bäuerlichen Bildungsorganisation zu einer sozialen Koordinationsstelle entwickeln.

Ein wichtiger Bereich ist das betreute Wohnen. Seit mehr als 20 Jahren bietet das betreute Wohnen Menschen ab 18 Jahren mit besonderen Bedürfnissen ein Dach über dem Kopf und mehr. Das betreute Wohnen bietet eine willkommene Alternative zu einem Aufenthalt in einer sozialen Institution und ebnet oftmals den Weg zurück in die Selbständigkeit.

https://www.ogg.ch/de/soziales/wobe-ag

Tagesstrukturen Landwirtschaft

Seit 2016 bietet die Wobe AG, eine Tochterfirma der OGG, ihren Gästen auch die Möglichkeit, ein Angebot im Bereich «Betreute Tagesstrukturen in der Landwirtschaft» in Anspruch zu nehmen. Die Tagesstrukturen Landwirtschaft sind eine Antwort auf sich ändernde gesellschaftliche und individuelle Bedürfnisse. In anderen Ländern hat sich dies bereits bewährt. Die Gäste verbringen jeweils einige Stunden auf dem Betrieb der Gastfamilie. Dabei werden sie ihren Wünschen und Möglichkeiten entsprechend in die täglichen Arbeiten und den Familienalltag miteinbezogen. Also genau das, was wir suchten. Nun musste nur noch die richtige Bauernfamilie, der richtige Hof, gefunden werden. Peter war einverstanden, dass wir mit der Wobe Kontakt aufnahmen und wir wurden zu einem Gespräch eingeladen. Um unsere Bedürfnisse darzulegen, füllten wir einen umfassenden Fragebogen, gemeinsam aus. Nun war es an der Beraterin der Wobe, eine geeignete Bauernfamilie zu finden. Und siehe da, es ging gar nicht lange und der Telefonanruf kam. Die Familie Haldimann, in Ferenberg, erklärte sich bereit, Peter, mal vorerst zum Schnuppern, willkommen zu heissen. Ferenberg liegt in der gleichen Gemeinde, nur drei Kilometer von uns entfernt. Wir vereinbarten jeweils den Mittwoch, da konnte Peter einen ganzen Tag auf dem Hof verbringen. https://blickwinkeldemenz.com/wobe/

Peter war es gewohnt auf einem Bauernhof zu sein und zu arbeiten. Er wuchs auf einem kleinen Bauernhof auf. Die Familie Christen bewirtschaftete das Land und hatte einige wenige Kühe, Hühner, Hund und Katze und ein paar lustige Zwerggeissen. Die Eltern hatten zudem eine grosse Pflanzung und sie gingen mit ihren Erzeugnissen auf den Markt. Für Peter hiess das während der Kindheit, arbeiten, anpacken, und seine Zeit zur freien Verfügung war beschränkt.

Der Aufenthalt bei Familie Haldimann war also für ihn nichts Ungewohntes oder Unbekanntes. Kurz gesagt es wurde für zwei Jahre eine Erfolgsgeschichte! Das Ehepaar Käthi und Paul Haldimann verstanden es, mit viel Feingefühl und viel Geduld Peter zu betreuen und in den Alltag mit einzubeziehen. Der Hof ist ganz abgelegen, mit wunderschöner Aussicht, ruhig, überschaubar und mit einigen Tieren. Hühner, Esel, Alpakas, Katzen und die Retriever Hündin Sina, wohnten auch auf dem Hof. Zudem führten Käthi und Paul Haldimann ein Bed und Breakfast und es waren oft Gäste auf dem Hof. https://bnb.ch/de/bnb/2043

Ein Tag bei Haldimanns

Am Morgen, wenn ich Peter brachte, wurde er bereits beim Auto in Empfang genommen. Zuerst machten Käthi und Peter mit Sina, einen ausgedehnten Spaziergang, im nahen Wald. Das war sehr schön, im Sommer schattig unter den mächtigen Buchen, im Herbst begleitet von sanften Nebelschwaden, und rotgoldenem verfärbten Laub. Im Winter der Schnee der unter den Schuhen knirschte und der Raureif der die Bäume überzuckerte. Nach dem Spaziergang war das Znüni an der Reihe, Peter trank nach wie vor gerne viel Kaffee.

Peter konnte am Anfang noch ein wenig mitanpacken und half so gut er konnte. Zum Beispiel mistete er mit Paul den Eselstall aus. Oder er schichtete Holz für den Winter vor dem Haus auf, sammelte die Eier im Hühnerstall ein, oder half Käthi im grossen Garten. Manchmal sass er auch «nur» auf dem Bänkli vor dem Haus an der Sonne. Es waren absolut stressfreie Tage, Peter konnte helfen oder nicht, ganz wie er es wünschte.

Unsere Betreuerin von der Wobe, war mit Haldimanns und mit uns im regelmässigen Kontakt. Die Ansicht der Gastfamilie, wie auch unsere Befindlichkeit wurden immer wieder überprüft, um mögliche Schwierigkeiten früh aus dem Weg zu räumen. Die gab es zum Glück aber nie.

Im ersten Jahr konnte Peter noch gut mithelfen, nach und nach nahmen die Fähigkeiten von Peter ab. Er brauchte mehr Betreuung, brauchte Hilfe beim Toilettengang, beim Essen und man durfte ihn kaum aus den Augen lassen, wegen seiner Sturzgefahr. Trotzdem hielten Paul und Käthi am Betreuungstag fest. Schon lange hatte es nichts mehr mit dem ursprünglichen OGG/Wobe Gedanke zu tun. Sie sagten mir oft, sie hätten Peter ins Herz geschlossen und sie dachten auch an mich, ein Entlastungstag würde mir guttun. Natürlich stimmte das und der freie Tag tat mir gut.

Diesen Sommer haben wir nun den Vertrag mit der Wobe aufgelöst, Peter sitzt ja nun im Rollstuhl und alles hat sich verändert… aber ich greife vor, soweit bin ich mit meinen Erzählungen noch nicht…

Rückblickend war der Wobetag für mich eine grosse Hilfe. Für Peter ein Ort zum Wohlfühlen, ein Ort wo er gebraucht wurde und ein Ort wo ihm mit Wertschätzung, Geduld und Liebe begegnet wurde.

Ganz herzlichen Dank, Käthi und Paul!

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