Peters Ferien in Engelberg

Das Jahr 2018 war recht anstrengend. Ich kam mehr und mehr an meine Grenzen und ich sehnte mich nach einer Auszeit. Auch wenn sie nur kurz wäre, so brauchte ich etwas Abstand von Peter, von unserem Alltag und von unseren Sorgen.

In unserer Alzheimergruppe wurden wir auf Ferien der Alzheimergesellschaft aufmerksam gemacht. Es gab Ferien mit den Angehörigen, was für mich nicht in Frage kam, nein, ich wollte doch etwas freie Zeit für mich.

Dann gab es aber auch ein Angebot, wo die Demenzbetroffenen alleine, natürlich gut betreut, in die Ferien fahren konnten. Genau nach einem solchen Angebot hatte ich gesucht.

Das Angebot beinhaltete Ferien in Engelberg, einer demenzfreundlichen Gemeinde. Peter würde in einem Hotel wohnen, in einem Einzelzimmer. Die Betreuungspersonen würden mit den Teilnehmern Ausflüge unternehmen, spielen, singen, lachen, wandern, einfach alles was zu schönen Ferien dazu gehört. Das Beste war, die Ferien wurden für Jungerkrankte, also Personen unter 65 Jahren angeboten und- sie waren erschwinglich.

Ich meldete Peter sofort an. Natürlich nachdem ich ihm das Ferienangebot vorgestellt hatte. Er sagte nicht viel dazu, seine Reaktion war weder positiv noch negativ.

Es dauerte gar nicht lange und ich bekam einen Telefonanruf von einer Pflegefachfrau, die mithalf die Ferien zu leiten. Sie stellte viele Fragen, es war klar, die Betreuenden mussten erfahren welche Bedürfnisse die Teilnehmenden hatten. Peter war sicher ein Grenzfall. In der Nacht war er desorientiert, Toilette finden war unmöglich. Am Tag musste man ihn im Auge behalten, er musste angehalten werden genug zu trinken und er musste ermuntert werden, die Toilette regelässig aufzusuchen. Ein plus war, dass Peter sich sehr gerne bewegte, gut zu Fuss war und auch eine gute Kondition hatte.

Wir vereinbarten ein Treffen, die leitende Pflegefachfrau, Peter und ich, bei uns Zuhause. Alle Teilnehmer der Alzheimerferien wurden vorher besucht, um sich kennenzulernen, um die Gegebenheiten noch besser zu verstehen und um alles Nötige zu besprechen. Schlussendlich war klar, Peter durfte mit in die Ferien nach Engelberg. Ich freute mich für ihn, aber klar, ich freute mich auch für mich. Es war seit rund 4 Jahren das erste Mal, dass ich ohne Peter irgendwo hin verreisen würde.

Demenzfreundliche Gemeinde was ist das?

Wir wissen, es wird in den kommenden Jahren immer mehr demenzbetroffene Menschen geben. Bis in 25 Jahren werden es doppelt so viele sein wie heute (300 000) Dazu werden zu jedem demenzbetroffenen Menschen bis zu drei Angehörige gerechnet. Viel zu wenig wird noch getan, es ist nötig, dass in den Gemeinden, auf den Ämtern, im Dienstleistungssektor und auch die breite Bevölkerung, sensibilisiert werden. Das Ziel ist es, demenzbetroffene Menschen zu integrieren und nicht auszugrenzen.

Wie könnte dies aussehen?

Massnahmen wären: Entlastungsdienste, Tagesstätten und direkte Unterstützung von betroffenen Familien mit ambulanter Hilfe. So könnten Heimeintritte später erfolgen. Dies wiederum wäre für die Gemeinden wahrscheinlich kostengünstiger. Weitere Massnahmen wären wiederkehrende Veranstaltungen und Aktionen, ebenso Entwicklungen neuer Angebote für Menschen mit Demenz.

Eine demenzfreundliche Gemeinde könnte eine Gemeinde sein, in der jeder mit oder ohne Demenz seine Rechte geniesst. Sich der Toleranz der Mitbürger sicher ist und die sozialen Beziehungen im Mittelpunkt stehen. Mitarbeitende in allen Bereichen wie Geschäften, in Dienstleistungsbetrieben, in Restaurants etc. würden geschult.

Betreuung und Pflege könnten geteilt werden von Fachpersonen, Angehörigen und ehrenamtlichen Helfern.

Menschen mit Demenz gehören ganz normal überall hin, auch in den öffentlichen Raum, ob im Café, auf dem Markt oder im Bus. Denn eine demenzfreundliche Gesellschaft kommt letztlich allen Menschen zugute.

Vor drei Jahren startete das Pilotprojekt «Demenzfreundliche Gemeinde» in Engelberg mit dem Ziel, dass betroffene Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben und sich wie gewohnt in der Gesellschaft bewegen können. Durch die zusätzliche Sensibilisierungsarbeit konnte die Tabuisierung abgebaut werden. «Heute ist es in Engelberg kein Stigma mehr, an Demenz erkrankt zu sein, was eine grosse Erleichterung für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet.» So die Bilanz nach drei Jahren Pilotprojekt. Es wäre schön, wenn es mehr Gemeinden gäbe, die sich in diese Richtung entwickeln würden.

Die Ferien sind da

Es war so weit, Donnerstag der Tag der Abreise war da. Ich hatte Peter alles gepackt, Freizeitkleider, Wanderschuhe etc.

Ich hatte beschlossen, gleich von Engelberg her ins Tessin zu fahren und dort vier Tage zu verweilen. Die Teilnehmenden fanden sich nach und nach ein. Wir hatten Zeit das Hotel und das Zimmer zu besichtigen. Nebst den leitenden Personen waren auch freiwillige Helfer dabei. Peters Helfer war ein Mann aus der Region. Sehr engagiert, nahm er Peter unter seine Fittiche. Er würde sich um Peter kümmern und sein Zimmer war gleich neben dem von Peter. Wir wurden von der Leitung begrüsst und wer wollte, durfte noch mit den Teilnehmern zu Mittag essen. Dann ging es ans Abschiednehmen.

Wer hätte das gedacht, mir viel der Abschied unendlich schwer. Realistisch gesehen gab es keinen Grund, Peter war sehr gut aufgehoben, es waren nur 4 Tage und ich hatte mir die freie Zeit redlich verdient. Trotzdem, mir war weh ums Herz und ich konnte die ersten zwei Tage im Tessin nicht richtig abschalten. Würde alles klappen? Würde Peter mit den «fremden Leuten» zurechtkommen? Würde er mich vielleicht gar vermissen? Ob er mich vermisste, habe ich nicht herausgefunden 😊

Die Tage im Tessin waren im Nu verflogen und ich holte Peter am Sonntag in Engelberg wieder ab. Die Rückfahrt war etwas stressig, gab es doch auf der Autobahn einen Unfall und der Verkehr staute sich zurück. Die Zeit als ich Peter abholen sollte war schon überschritten, als ich endlich in Engelberg ankam. Fast alle Teilnehmer waren schon abgereist. Die Leiterin nahm sich aber dennoch Zeit, um mich zu informieren, wie die Ferien abgelaufen sind. Peter hat sehr, sehr gut mitgemacht, war voll dabei beim Wandern, hat sich gut integriert und das Schönste für ihn, waren am Abend die Musik und die Lieder, die er noch fast alle auswendig wusste. Seiner Chor-Zeit sei Dank😊

Nun, es gab aber auch Negatives zu berichten. Die Nächte waren gar nicht gut, Peter war desorientiert, stand auf, nässte ein und war gegen seinen Betreuer auch gereizt. Schlussendlich bezog eine Leiterin das Zimmer mit Peter, um gleich vor Ort da zu sein und Peter zu beruhigen. Das war sicher nicht einfach für die betreuende Person, mit den unruhigen Nächten und mit zu wenig Schlaf. «Ich danke dir, liebe Doris Diethelm!»

Meine Bilanz; die Ferien waren super organisiert, die Natur rund um Engelberg einfach toll und der Aufenthalt im Hotel Crystal, war sehr gut auf die Teilnehmenden mit Demenz ausgerichtet. Den Leitenden und Betreuern bin ich sehr dankbar haben sie sich so gut um Peter gekümmert. Ein Angebot der Alzheimervereinigung, dass ich allen weiterempfehlen werde.

Die Alzheimervereinigung OW/NW hat in ihrem Jahresbericht die Ferien noch einmal aufgegriffen.

Auch mir hatten die Ferien gutgetan und ich nahm mir vor, für Peter einen Ferienplatz zu suchen, um mir auch ab und zu ein paar entspannende Tage zu gönnen. Im Blick hatte ich die Herbstferien, da ging es ja immer darum unseren Wohnwagen einzuwintern. Im letzten Jahr war dies mit Peter schon sehr schwierig gewesen. Er fühlte sich überfordert, wusste nicht genau was von ihm erwartet wurde und wurde zunehmend ungehaltener.

Einwintern heisst alles einpacken, Velos wegräumen, Grill reinigen, Launch zudecken und das Vorzelt mit Stangen gegen die Schneelast unterstellen. Viele Arbeiten, die einigermassen geplant werden mussten, und zügig und effizient voran gehen sollten. Ich beschloss, wenn ich denn einen Ort finden würde für Peter, diese Arbeiten ohne Peter zu bewältigen. Jetzt musste ich mich aber erst mal auf die Suche machen, um einen guten Ferienplatz zu finden.

3 Kommentare zu „Peters Ferien in Engelberg

  1. Schön, dass ihr beide euch „getrennt“ einige Tage euren Bedürfnissen entsprechend bewegen und erholen durftet. Dass Peter sich in der neuen Ferien-Umgebung ohne dich einbringen konnte, war sicher auch für dich eine grosse Entlasstung. Ich wünsche euch beiden weiterhin „Erlebnisfrohe Tage“. Herzlich, Manni

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