Ein Tag im Leben von Regina 2019

Der gleiche Tag wie im Leben von Peter, Teil 1

Meine Tage im 2019 sind lang, ich bin immer darauf bedacht, dass es Peter gut geht, dass ich ihn beschützen kann, dass ich ihm gerecht werde und ich ihm alles geben kann, was er braucht.

Ein neuer Tag beginnt, ich stehe auf, Peter, der im gleichen Zimmer ist, schläft noch, zugedeckt bis unters Kinn. Ich versuche leise zu sein und schleiche mich ins Badezimmer, ohne ihn zu wecken. Ah, die Dusche tut gut, die Haare werden gewaschen und geföhnt. Ich fühle mich gleich wie neu geboren. Nach dem Anziehen werfe ich mal einen Blick zu Peter, er schläft immer noch und jetzt ist es Zeit für einen Kaffee für mich…

Was wird der Tag bringen? Ich sinniere über unser Leben, wie hat sich alles verändert… Kann ich meine Aufgabe, die ich habe mit der Krankheit von Peter, gut und richtig erfüllen? Habe ich die nötige Kraft immer geduldig, liebevoll und freundlich zu sein? Fragen die ich nicht einfach beantworten kann…

Anschliessend mache ich das Frühstück bereit. Peter hat gerne Brot, Käse und etwas Salami oder Schinken. Ich achte darauf, dass Peter ein Birchermüesli oder eine Frucht dazu bekommt. Seine Tabletten mache ich ebenfalls bereit. Ein Glas Wasser stelle ich dazu und dann bekommt er natürlich, wenn er am Tisch sitzt, seinen geliebten Kaffee.

Nun höre ich Peter rufen, nicht nach mir, sondern nach seiner Mutter. Ich gehe zu ihm, begrüsse ihn und ziehe ihm die Bettdecke etwas zurück. Oh, er ist nass, schon wieder haben die Einlagen nicht genügt und das Pyjama, der Molton, das Leintuch, alles ist nass. (Die Matratze ist mit einem Plastiküberzug bezogen.)

Es riecht unangenehm und ich versuche Peter dazu zu bewegen, dass er aufsteht. Er schaut verwirrt, weiss nicht, wer ich bin und was er tun soll. Plötzlich jedoch machts anscheinend klick und er steht auf. Jetzt muss ich ihn nur noch ins Badezimmer bringen, indem ich ihn am Arm nehme und ihn führe. Gar nicht einfach, er macht nur kleine Schritte und sein Gang ist etwas unsicher. Im Badezimmer rede ich ihm gut zu, denn ich will seine Pyjamahose herunterziehen. Das schätzt er gar nicht und er hält sie krampfhaft fest. Endlich ist es dann doch geschafft!

Nun kommt, wie jeden Morgen, die grosse Herausforderung mit der Duschumrandung. Sie ist nur ca. 8 cm hoch, aber oft ein unüberwindbares Hindernis für Peter. Mit gut zureden, ihm das Bein hochheben und ein bisschen sanftem Druck, geling es mir, ihn in die Dusche zu schieben. Nun stelle ich die Temperatur des Wassers ein und dusche Peter von Kopf bis Fuss. Er wehrt sich und wie öfters in letzter Zeit, packt er mich am Arm und drückt sehr fest zu.

Aua, das tut mir weh und ein blauer Fleck ist mir gewiss. Ich versuche ruhig zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen und stelle mal das Wasser ab. Nun sind wir beide vom Duschen nass…

Ich atme tief durch. „Vielleicht,“ so sage ich mir, „muss er nicht mehr jeden Morgen unter die Dusche, das bedeutet nämlich Stress für uns beide.“

Peter lässt sich gerne abtrocknen, sträubt sich dann aber beim Anziehen seiner Pants. Für ihn ist es immer noch sehr ungewohnt, Einlagen in der Nacht und Pants am Tag zu tragen. Ihm die Kleider anzuziehen geht recht gut, er hilft mir sehr gut dabei und schon können wir zum Frühstückstisch gehen.

Vorgängig habe ich das Frühstück ja schon vorbereitet, was gut ist, denn Peter wird ungeduldig, er hat Hunger. Selber das Brot und die Banane zu essen gelingt ihm gut, aber beim Kaffee klappts dann nicht mehr. In einem Augenblick, wo ich in der Küche bin, nimmt Peter die Tasse, will trinken und schon ist alles über seinen, eben frisch angezogenen, Pullover verteilt.

Ich bin gar nicht erfreut und das merkt Peter auch. (Er reagiert zunehmend sensibel auf mich…) «Regina,» sag ich mir, «ruhig bleiben, einen neuen Pullover holen und den Verunreinigten in die Wäsche tun»😊

Nun geht’s ab ins Badezimmer, beim Zähne putzen und auch beim Rasieren bin ich behilflich. Er sieht sich im Badezimmerspiegel und ich merke wie Peter unsicher wird. Ich weiss genau, er erkennt sich nicht und er wird sich aufregen, schimpfen und dem Mann im Spiegel seine Meinung sagen. Ich habe vergessen den Spiegel abzudecken, das hole ich nun nach und schon ist die Situation entspannt. Ich muss eindeutig mehr vorausdenken, das erspart mir unangenehme Situationen.

So, nun begleite ich Peter ins Wohnzimmer, er soll sich ausruhen und sitzen. (Das ist meine Vorstellung) Lange wird es nicht gehen und er wird aufstehen und umherlaufen. Ich packe schnell alle Wäsche zusammen, das Bettzeug natürlich auch und fülle die Waschmaschine. Das Bett wird neu bezogen. Mit einem Ohr horche ich immer, was im Wohnzimmer passiert… es ist noch ruhig…

Vor dem Zubereiten des Mittagessens will ich noch kurz abstauben und das Bad putzen. Plötzlich höre ich Peter im Wohnzimmer rufen. «Vater, Vater bleib stehen» ruft er, er erzählt etwas von einem Traktor und von Heu, dass eingebracht werden soll… ich gehe zu ihm und nehme seine Hand und führe ihn wieder zum Stuhl. Gleich steht er wieder auf, er ist unruhig. Ich glaube, dass er jemanden sucht, wahrscheinlich seinen Vater, und das wird noch einige Zeit andauern. In dieser Welt kann ich ihn oft nicht erreichen. Ich versuche ihn mit Erzählungen da abzuholen, wo er gerade mit seinen Gedanken und seinen Gefühlen steht. Aber Peter driftet immer weiter und weiter weg von mir. Das macht traurig.

Während bei Peter anfangs nur das Kurzzeitgedächtnis zu leiden schien, schwindet nun auch das Langzeitgedächtnis: Erinnerungen aus den letzten Jahrzehnten, ich als Ehepartner, unsere Kinder – sie alle verschwinden im Nebel des Vergessens. Stattdessen tauchen mitunter Episoden aus Kindheit und Jugend auf – und erscheinen Peter, als seien sie gerade erst passiert.

Fortsetzung folgt…

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