Der Feind im Schatten

Das Jahr 2012, beschert mir ein undefinierbares, diffuses Gefühl. Irgendetwas ist aus dem Lot und ich kann nicht genau feststellen was es ist. Das Buch von Henning Mankell kommt mir in den Sinn. Der menschliche und sympathische Kurt Wallander hat in seinem letzten Fall erhebliche Gedächtnislücken. Er weiss im Dunkeln wartet ein unbarmherziger Feind auf ihn. Diesen letzten Kampf wird und kann er nicht gewinnen. Es wird dies auch das letzte Buch in der Serie über den Kommissar Kurt Wallander sein…

Eine leise Angst macht sich in mir breit. Natürlich denke ich in keiner Weise an eine Demenz. Peter zieht sich zurück, verschliesst sich und kaum ist er von der Arbeit zuhause, verzieht er sich in seinen Bastelraum. Er ist handwerklich unglaublich geschickt und fertigt vor allem Holzarbeiten an. Er werkelt stundenlang herum hört dabei Radio, scheint dabei aber recht zufrieden zu sein.

Mir fiel auf, dass er weniger von der Arbeit erzählt und auch, dass der Pikettdienst, den er einmal im Monat leisten muss, gar nicht mehr Spass macht. Als Netzelektriker musste er oft an den Wochenenden, oder auch am Abend, bei einem Unterbruch der Stromversorgung, den Schaden beheben. Das tat er immer zuverlässig und ihm gab es ein gutes Gefühl, wenn die Kunden wieder am Stromnetz angeschlossen waren.

Absolut keinen Spass mehr machte ihm auch das Singen im Chor im Nachbardorf. Er, der mehr als 20 Jahre dabei war, fehlte plötzlich oft, sagte er habe keine Lust und war nur schwer zu motivieren, die Proben zu besuchen. Seine sonstigen Hobbies, wie Wandern und Motorradfahren führte er weiterhin mit Begeisterung aus.

Ich war so ziemlich ratlos. Vielleicht driftete er in eine Depression oder in ein Burnout? Peter zeigte bis anhin nie den Ansatz einer Depression. Ich suchte den Grund auch bei mir, ich war oft unterwegs, überall engagiert und ging vermehrt meine eigenen Wege.

Dies führte dazu, dass ich mich Ende 2012 für 6 Wochen nach Lyon in einen Sprachaufenthalt verabschiedete. ( Lyon ist übrigens eine tolle, wunderbar schöne Stadt, die sehr oft unterschätzt wird). Ich ging mit gemischten Gefühlen, war mir nicht sicher, ob Peter zu Hause gut zurechtkommen würde. Nun gut, meine Söhne waren nicht weit weg und meine Eltern, also Peters Schwiegereltern im gleichen Haus.

Mit Mühe brachte ich Peter bei, den Laptop zu bedienen, um mit mir über Skype zu kommunizieren. Peter ist nun mal kein Technikfreak, Computer wollte er nie so richtig in sein Leben lassen.

Eine Begebenheit möchte ich noch erzählen. Natürlich besuchte mich Peter während der sechs Wochen einmal in Lyon. Es ist ja gar nicht weit und mit dem Zug gut zu erreichen. Umsteigen musste er nur einmal in Genf. Ich habe die Billette bereits im Voraus gekauft und ihm die Zeiten aufgeschrieben. An besagtem Tag fand ich mich am Bahnhof Part Dieu ein und stand um 10.00 Uhr vor dem Hauptportal, nur Peter tauchte nicht auf. Ich habe mit meinem Handy versucht ihn zu erreichen und er meldete sich. Er war immer noch im Zug und fuhr bereits auf die letzte Station in Lyon zu. «Bitte, steig sofort aus,» habe ich ihm gesagt, denn ich wusste, nach dieser Station fährt der Zug ohne Halt nach Marseille. (Klar, auch Marseille hätte seinen Reiz )😊

Uff geschafft, er ist ausgestiegen und ich fuhr mit der U-Bahn zum Bahnhof Perrache, wo Peter geduldig wartete. Warum er nicht am vereinbarten Ort ausstieg, konnte er nicht genau sagen. Den Heimweg brachte er ohne Probleme hinter sich.

Als meine Zeit in Lyon vorbei war, wusste ich, es erwarten mich Zuhause schwierige Zeiten. Ich wusste bereits damals, dass wir auf etwas zusteuerten, dass nicht mehr aufzuhalten war.

Ein Kommentar zu “Der Feind im Schatten

  1. Schöner Bericht! Wir waren ja kurz darauf noch zusammen in Lyon und man merkte eigentlich noch nicht so viel, jedenfalls als Aussenstehender.

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