Von Verlust und Resilienz

Wie bereits erwähnt haben wir in der Alzheimerangehörigen Gruppe auch ab und zu ein Buch besprochen, oder einen Film geschaut. Dabei haben wir auch die Amerikanerin Prof. Pauline Boss kennengelernt, sie ist 1935 geboren und hat Schweizer Wurzeln. Sie ist eine berühmte Psychotherapeutin und hat an verschiedenen Universitäten in den USA gelehrt.

Pauline Boss ist die Vordenkerin des Konzeptes des »uneindeutigen Verlustes«. Sie zeigt, wie durch Strategien die seelische Widerstandskraft (Resilienz) der Betroffenen erhöht werden kann, wenn sie sich mit dem traumatischen Verlust konfrontiert sehen und keinen Ausweg erkennen.

Sie beschreibt es so: Verluste gibt es auf viele Arten, Verlust eines nahestehenden Menschen, der physisch nicht mehr greifbar ist. Denken wir an die Tsunamiopfer, oder an den 11. September, viele Menschen sind einfach verschwunden und nicht mehr auffindbar. Auch hier zulande gibt es viele Personen, leider auch Kinder, die unauffindbar sind.

Das ist die eine Gruppe, die andere Gruppe, wo von einem uneindeutigen Verlust gesprochen wird, sind Menschen die wohl körperlich anwesend sind, aber ihr Geist und die Persönlichkeit langsam verschwindet. Dazu zählen auch Personen, die an einer Alzheimererkrankung leiden, wie Peter.

Pauline Boss beschreibt, dass die Angehörigen besonders leiden und aus dem seelischen Gleichgewicht geraten. Peter, mir ein absolut vertrauter Mann, wird mir fremd und ich kann mich emotional, natürlich, nicht von ihm lösen. Wir befinden uns im Prozess des dauernden Abschiednehmens.

Im Buch „Loving someone with dementia“, gibt sie Anregungen für den Umgang mit Demenzkranken. Sie hat es vor allem für pflegende Angehörige geschrieben. Ihr Leitsatz ist: wer unter dauerndem Stress leidet kann nicht mehr gut pflegen. Stress lässt sich weitgehend vermeiden, wenn die Pflegenden wissen, wie mit unklarem, uneindeutigem Verlust (ambiguous loss) umzugehen ist.

Resilienz

Als Resilienz bezeichnet man in der Psychologie die Fähigkeit zur Belastbarkeit und innerer Stärke. Ganz allgemein betrachtet ist Resilienz die Fähigkeit von Menschen, auf wechselnde Lebenssituationen und Anforderungen in sich ändernder Situationen flexibel und angemessen zu reagieren. Sie können stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden meistern. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, bei Belastungen standzuhalten. Belastende Situationen werden zum Beispiel ausgelöst durch Stress, Ungewissheit, Veränderungen oder Rückschläge. Bei Resilienz handelt es sich um eine mentale Fähigkeit, die umgangssprachlich mit psychischer Widerstandsfähigkeit übersetzt werden kann. Menschen mit hoher Resilienz werden häufig mit folgenden Eigenschaften beschrieben: selbstbewusst, gelassen, humorvoll, menschlich, zuversichtlich, zielorientiert, intelligent und selbstreflektiert. Eine hohe Resilienz zeigt sich nicht nur in herausfordernden Situationen, sondern auch im normalen Leben. Das Gute: Resilienz ist lernbar und ich bin auf dem Weg dazu……

Pauline Boss in Zürich

An einem weiteren Abend in der Alzheimergruppe, haben wir einen kurzen Film vom Marianne Pletscher angeschaut. Pauline Boss war am Zürcher Waidspital und hat einen Vortrag gehalten. Sowohl das Video Sinn und Hoffnung finden wie auch das Buch Da und doch so fern  helfen uns Angehörigen dabei, mit der anhaltenden Belastung und Trauer, die eine Demenzerkrankung in unserem nahen Umfeld mit sich bringt, umzugehen. Das Video fasst die wichtigsten Leitlinien von Prof. Boss zusammen und lässt vier pflegende Angehörige darüber reflektieren. Im Zentrum der Diskussionen steht das „Denken von zwei Enden her“, denn es gibt keine eindeutige Wahrheit im Umgang mit einem so unheimlichen Verlust. Pauline Boss zeigt uns, wie ein Trauerprozess ohne klaren Abschluss gestaltet werden kann und betont, dass es wichtig ist, trotz allem Hoffnungen und Träume zu haben.

Der Film und das von Marianne Pletscher und Dr.Irene Bopp herausgegebene Buch „Da und doch so fern“, das auf dem Buch „Loving someone who has dementia“ von Pauline Boss beruht, bilden eine Einheit.

DVD bestellen
Sonnweid
Bachtelstr. 68-72, 8620  Wetzikon stiftung-sonnweid@sonnweid.ch – www.sonnweid.ch

Hier zeigt mir Pauline Boss also Strategien auf, mit deren Hilfe wir Betroffenen lernen, unser Schicksal anzunehmen und eine gesunde Einstellung zum Leben zu finden. Wir lernen, unsere Lebenssituation wieder in die Hand zu nehmen, und gewinnen die Einsicht, mit der Ungewissheit des Verlustes weiterleben zu müssen. (Resilienz)

Meine 7 Strategien frei nach Pauline Boss

Ich suche nach dem Sinn

Wenn Peter zwar physisch da, aber psychisch doch nicht da ist, und dieser Zustand dauert ja an, dann ist es schwer einen Sinn in unserer Beziehung zu sehen. Es ist schwer nicht in Verwirrung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu versinken. Ich versuche zu akzeptieren, dass unsere Beziehung verloren geht und doch noch besteht.

Ich versuche mein Leben auszubalancieren

Ich bin regelmässig am Spazieren, oder im Garten, ich habe meinen festen Tag zum Einkaufen und ich versuche ein Wochenende im Monat etwas für mich zu machen. Ich schaffe mir Freiräume.

Ich versuche meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln

Die Demenz ist da und in unser Leben eingedrungen. Ich muss meine Rolle neu überdenken. Ich bin verheiratet mit einem pflegebedürftigen Mann, der mich nicht mehr erkennt und ich will mich nicht nur in der Rolle der pflegenden Ehefrau sehen. Ich arbeite daran mich neu zu definieren.

Ich lebe mit gemischten Gefühlen

Meine Gefühle wechseln von Frust, über Schuld, auch dass es langsam genug sei, ich habe Mitgefühl mit Peter, aber auch ein Beschützer- und Helfergefühl. Wichtig ist, ich muss all meine Gefühle zulassen und wenn ich mich überfordert fühle, so will ich Hilfe in Anspruch nehmen.

Ich muss an Schönem festhalten und auch loslassen können

Unsere Beziehung ist einseitig geworden. Ich versuche einen Mittelweg zu finden, ich halte natürlich an der Beziehung fest, muss aber auch einsehen, dass sie weniger und weniger wird. Ich gebe nur der Krankheit die Schuld, nicht mir, und natürlich auch nicht Peter.

Ich schöpfe Hoffnung und wage auch zu träumen

Ich muss mir meine Zukunft vorstellen können. Vorstellen, dass ich neue Hobbies haben werde, vorstellen, dass ich neue Reisen planen werde und auch neue Freundschaften möglich sein werden.

Ich schaue zu mir

Peter ist darauf angewiesen, dass ich stark bin und auf mich selber achte. Ich weiss, er würde es richtig finden, dass ich mir Auszeiten nehme und ihn für kurze Zeit in andere Hände gebe.

An allen Punkten arbeite ich, manchmal gelingt es mir besser, manchmal weniger. Aber ganz sicher macht es mich stärker.

2 Kommentare zu „Von Verlust und Resilienz

  1. „Meine 7 Strategien frei nach Pauline Boss“

    Liebi Regina.
    Es ist sehr bemerkenswert, wie Du Dir da für Deine Zukunft „ohne Peter“ ein äusserst „stark beladenes Packet“ geschnürt hast.
    Ich bewundere Dich, wie Du die Worte für Deine BLOG’S immer wieder findest und uns Mitfühlenden übermitteln kannst. Ich kann nur hoffen, dass Deine Worte/BLOG’S vielen andern in derselben Situation wie Deine auf ihren steinigen Wegen in die Zukunft hilfreich sein werden.
    Auf Deinem Weg in eine unbekannte Ferne, hoffe ich, dass Du ihn, wenn möglich mit positiven Gedanken unternehmen wirst.

    Regina, häb e gueti Wuche, wänn möglich mit e chly Sunneschy.

    Mit myne beschte Grüess vo de schönschte Bucht Europas.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.